Lebensmittelabgabe in Zeiten von Covid-19.

Menschen in Not trifft die Krise am härtesten

Ein Interview mit Markus Hofmann - Gründer von Food-Care.

Helfen den Menschen in Not während der Krise: Amine Conde und Markus Hofmann.Bild: Amine Conde und Markus Hofmann (food-care Ostschweiz)

Food Ninja: Hallo! Kannst du dich unseren Leserinnen und Leser in 3-4 Sätzen kurz vorstellen?

Markus: Ich heisse Markus Hofmann, bin 49 Jahre alt und Gründer von «food-care». Ich sehe mich als Opportunist in praktischer Hilfe für Menschen in Not: Wir betreiben Abgabestellen für Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden. Damit helfen wir armutsbetroffenen Menschen und reduzieren gleichzeitig aktiv Foodwaste. Ich habe Freude am Leben und speziell daran, scheinbar Unmögliches wahr werden zu lassen. Ich arbeite gerne lösungsorientiert anstatt problemorientiert.

Wann hast du dich das erste Mal mit dem Thema Food Waste auseinandergesetzt? Kannst du dich daran noch erinnern?

2006 kam ich nach einer Betriebsbesichtigung in einem verarbeitenden Produktionsbetrieb in Kontakt mit dem Thema. Zum Abschluss der Runde sind wir bei der Entsorgung vorbeigekommen und haben die Menge von entsorgtem Brot gesehen. Das hat mich sehr beschäftigt, auch weil ich wusste, dass wir im Quartier Menschen haben, die nicht wissen wie sie über die Runden kommen. Das war der Start von Food-Care Ostschweiz.

Meine Frau und ich haben dann angefangen, Lebensmittel einzusammeln und zu verteilen. Anfänglich 5 bis 10 Kisten pro Woche – heute sind es durchschnittlich 25 Tonnen wöchentlich.

Wenn man du mit 10 Hashtags das Problem Food Waste umschreiben müsstest, welche würdest du verwenden?

#Lebensmittelverschwendung
#Ressourcenverschwendung
#Überfluss
#sinnloseDatierungsmanie
#gerechtereVerteilung
#das"Aktionen"-Problem
#zuvieleDiscounter
#zubilligproduzierteLebensmittel
#zuwenigWertschätzung
#Armut
#ArmutinderSchweiz

Was tust du als Konsument und in deinem Berufsumfeld gegen Food Waste?

Als Konsument halte ich mich wirklich strikt daran: Ich kaufe nur, was ich auch esse.

Mit der gemeinnützigen Organisation «food-care» haben wir bis jetzt 21 Abgabestellen für Lebensmittel in der Nordostschweiz und dem Fürstentum Liechtenstein geschaffen. Dort werden einwandfreie und wertvolle Lebensmittel an bedürftige Haushalte abgegeben werden. So hat «food-care» alleine im Jahr 2019 dafür gesorgt, dass knapp 1600 Tonnen Lebensmittel nicht zu Biogas verarbeitet und damit vor der Vernichtung gerettet worden sind.

Wir leben gerade in schwierigen Zeiten: Covid-19 hat den Alltag aller stark verändert. Wie geht food-care damit um?

Wir arbeiten hart dafür, dass wir unsere Abgabestellen nicht wie andere Organisationen schliessen müssen. Die Menschen, die bei uns Lebensmittel beziehen, sind darauf mehr denn je angewiesen und durch die wirtschaftlichen Folgen der Krise werden es immer mehr.

Unsere Aufwände und Kosten sind durch die spezielle Situation um einiges höher: Wir mussten zum Beispiel für jeden Kanton und pro Wohngemeinde Sonderbewilligungen einholen, pro Kanton, pro Wohngemeinde. Teilweise müssen diese regelmässig erneuert werden, was uns also wiederholt beschäftigt.

Der Bedarf an Hygieneartikel für die Mitarbeitenden ist wie überall enorm: Hygienemasken, Handschuhe, Desinfektionsmittel, Absperrbänder, Plakate, etc. – das will alles besorgt und finanziert werden.

Nicht zuletzt müssen auch die Abholungen und Abgaben gemäss den Vorgaben des BAG stattfinden mit begrenzter Personenzahl, Desinfektion und so weiter. Der Aufwand hat sich vervielfacht.

Zusätzlich setzten wir die Massnahmen des BAG konsequent um, was das Arbeitsumfeld natürlich stark beeinflusst.

Zusätzlich gibt es zahlreiche Anfragen von Menschen, die sonst von anderen Organisationen versorgt werden, die jetzt ganz oder teilweise geschlossen sind. Sogar Gassen- und Suppenküchen konnten zum Teil ihre Gäste nicht mehr verpflegen. Die Situation bringt jene wirklich bis zum Letzten an ihre Grenzen, denen es vorher schon nicht gut ging.

Mitarbeiter bei der Arbeit

So hat «food-care» alleine im Jahr 2019 dafür gesorgt, dass knapp 1600 Tonnen Lebensmittel nicht zu Biogas verarbeitet und damit vor der Vernichtung gerettet worden sind.

Wie hat sich die Verfügbarkeit von Lebensmittel verändert, seitdem nur noch grosse Detailhandelsketten offen sein dürfen?

In den ersten drei Wochen hatten wir zu wenige Lebensmittelspenden. Wer Geld hat, hat zu dieser Zeit ja die Läden leer gekauft, da blieb von der sonst üblichen Menge für uns nur noch ein Bruchteil.

Danach ging es mit den Mengen steil bergauf – was zuvor gehamstert wurde, blieb jetzt liegen. Diese Überschüsse sollen nun auch verteilt werden: Wir haben extra-Abgaben gestartet in Zürich, wo wir andere Organisationen mit Lebenmittelspenden in dieser Ausnahmesituation unterstützen. Die Not ist jetzt schon gross und nimmt weiter zu.

Mitarbeiter beim Verladen.

Wie kann man euch als am besten unterstützen?

Um den Betrieb und dessen Ausbau halten zu können, sind wir auf viele Spenden angewiesen. Wir brauchen unbedingt Kühl- und Gefriercontainer oder entsprechende Räume, Kühlanhänger mit Gesamtgewicht von 3,5 Tonnen und passende Zugfahrzeuge mit 3,5 Tonnen Anhängerkupplung.

Unser Ziel ist es ausserdem, auch Integrationsarbeitsplätze anzubieten, aber auch dafür brauchen wir finanzielle Mittel.

Was die Warengruppen angeht, haben wir immer zuwenig Milchprodukte (Joghurt, Quark, Hüttenkäse, Weich- und Hartkäse), Konserven, aber auch Teigwaren, Reis, Mehl und Gemüse. Uns ist es ein Anliegen, den Familien eine wirkliche Hilfe mit abwechslungsreichen Lebensmittel bereit zu stellen, die ihnen für zwei Wochen einen echten Beitrag zum Lebensunterhalt bieten kann.

Wie immer zum Schluss: Was ist denn dein Lieblingslebensmittel?

Nur eins? Ich esse sehr gerne Reis, Straussenfleisch, gemischten Salat, Gemüse, Obst… ich bin nicht heikel, ich habe alles gern.

Und was tust du, wenn sie mal nicht mehr ganz frisch sind?

Bei uns gibt es dann einfach einen gebratenen Wochenrückblick oder so etwas. Praktisch alles ist verwertbar! Ich muss sehr selten etwas entsorgen.

Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

 

Markus Hofmann wuchs in Zentralafrika auf. Mit 14 Jahren kam er in die Schweiz. Nach dem Sekundarschulabschluss erlernte er den Beruf Werkzeugmacher. Nach einigen Berufsjahren ergriff er ein Theologiestudium in England, während 15 Jahren war er im pastoralen Dienst. Seit 2006 rettet und verteilt er Lebensmittel und hat 2016 die gemeinnützige Organisation food-care gegründet.